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Was ist eigentlich ein Maultier?
Ein Pferd mit langen Ohren? Ein Esel wie ein Pferd? Die Stimme, so unglaublich, dass man sie nicht beschreiben kann? Was ist das, warum gibt es so etwas?

Wenn ein Eselhengst eine Pferdestute deckt und es daraus ein Fohlen gibt, ist dieses ein Maultier. Deckt ein Pferdehengst eine Eselstute, so ergibt sich aus dieser Paarung ein Maulesel. Aus zoologischer Sicht sind die Unterschiede zwischen Maultier und Maulesel noch nicht ausreichend erforscht, als dass man eindeutig sagen könnte, ein Maultier weist diese und ein Maulesel jene Eigenschaften auf. Aus diesem Grunde werden beide, Maultier und Maulesel, im Volksmunde meist als Esel, Muli oder als Maultier bezeichnet. Dies bringt oft Verwirrung und darum sei hier ein für allemal erklärt:

Ein Maultier ist das Kreuzungsprodukt von einem Eselhengst und einer Pferdestute.
Ein Maulesel ist das Kreuzungsprodukt von einem Pferdehengst und einer Eselstute.

Das Maultier ist im Grunde genommen eine Erfindung des Menschen. Und wie bei vielen Erfindungen soll auch hier der Zufall mitgeholfen haben. In verschiedenen Büchern, so u.a. in Lorrain Travis Buch "The Mule", ist zu lesen, dass 3000 Jahre v. Chr. im heutigen Nubien ein Eselhengst eine Pferdestute deckte und das daraus entstandene Maultierfohlen so viele Vorteile gegenüber den damals noch kleinen, gedrungenen Pferde aufwies, dass daraus die eigentliche Maultierzucht entstand.

   
    Die Geschichte des Maultieres
   
  Die Zucht und die Haltung des Maultiers geht nachweislich mindestens 3000 Jahre zurück, indem es in Homers Ilias bereits erwähnt wird. Diese Erwähnung ist nicht nur eine der ältesten bezüglich der Geschichte des Maultiers, sondern ist auch das berühmte literarische Zitat in diesem Zusammenhang.
Das Maultier war im Altertum vor allem im vorderen Orient verbreitet, woher Angabenn stammen, wonach diese Tiere ihren Namen von der Gegend Mysien ("mus-lo") erhielten. Andere Quellen hingegen geben an, dass aus dem griechischen Wort "muchlos" die lateinische Bezeichnung "mulus" wurde und daraus im Deutschen "Maultier". "Muchlos" steht im
  Griechischen für Eselin, was darauf hinweist, dass das Maultier das Kreuzungsprodukt (Hybrid) zwischen den Arten Pferd und Esel ist. Beim Maultier ist die Mutter eine Pferdestute und der Vater ein Eselhengst, beim Maulesel ist es umgekehrt. Zu jener Zeit galten die Maultiere als die edelsten und schätzbarsten Tiere überhaupt. Aus diesem Grunde wurden die Tierärzte in Rom damals nicht Rossärzte, sondern Maultierärzte (mulomedici) genannt. Im Mittelalter und in der neueren Zeit gelangten Maultiere in alle Erdteile und erreichten in der Schweiz vor allem in der Gebirgsgegend der Kantone Wallis, Waadt, Tessin und im Freiburgischen eine gewisse Verbreitung.
Bis zur Zeit des zweiten Weltkriegs betrug der nationale Bestand etwa 3000 Tiere, wovon etwa 2000 im Wallis zu finden waren. Viel bedeutender war das Maultier aber für die amerikanische Geschichte, wo es seit der Zeit von George Washington vor allem im Anbau von Zucker und Baumwolle, im Bergbau, in der Landwirtschaft und im Militär eingesetzt wurde. Noch im Jahr 1920 betrug die Maultierpopulation in den USA etwa 5½ Millionen Tiere.
Die enge Verknüpfung der Geschichte des Maultiers mit der Kulturgeschichte der Menschheit weist auf die hervorragenden physischen und psychischen Eigenschaften dieses Tieres hin. So ist es zweifelsohne erwähnenswert, dass selbst Darwin dem Maultier seine unumwundene Anerkennung zuteil kommen liess. Er schrieb: "Das Maultier scheint mir ein sehr erstaunliches Tier zu sein; es macht den Anschein, dass hier die Kunst die Natur übertroffen hat."
Maultiere sind sensible Kreaturen mit sehr gut ausgeprägten Sinnen; sie sind eigenwilliger, misstrauischer und kitzliger als das Pferd und dementsprechend empfindlicher gegen pedantische und straffe Dressurmethoden, Neckereien, Provokationen und rohe und ungerechte Behandlung. Schwerwiegende Gebrauchsfehler lassen sich deshalb häufig auf eine mangelhafte Auswahl der Elterntiere oder auf eine unzweckmässige Aufzucht und Behandlung zurückführen. Die physischen Vorteile des Maultiers sind insbesondere seine widerstandsfähige Haut und seine schmalen Hufe, welche ihm die Trittsicherheit in unwegsamen Gelände verschaffen. Unter normalen Bedingungen trägt ein Maultier etwa 150 kg für Tagesmärsche von 30 bis 40 km. Überliefert ist z.B. ein Tagesmarsch im Jahre 1881 in New Mexiko, wo eine Tragtierkompagnie 136 km in 12 Stunden zurücklegte. Andererseits wurden Maultiere auch für die Rettungskolonne für Scott im Jahre 1912 in der Antarktis eingesetzt, wo sie bei sehr mangelhafter Fütterung Schlitten mit einer Nutzlast von mehr als 300 kg zogen.
Bemerkenswert ist auch die Fähigkeit des Maultiers, sich sehr rasch von Strapazen erholen zu können. Damit verbunden ist auch seine hohe Lebenserwartung, welche einen Arbeitseinsatz bis zum 18. oder 20. Lebensjahr erlaubt. Für die Eignung des Maultiers für alle möglichen Verwendungszwecke und seine Charaktereigenschaften spricht die Tatsache, dass im Jahre 1975 in Hongkong Maultiere der Britischen Armee nach ihrer Entlassung aus dem Dienst dort für das therapeutische Reiten verwendet wurden.
Es ist unverkennbar, dass das Maultier dem Menschen in seiner Geschichte unvergleichliche Dienste leistete. Nach all der Arbeit, welche es für diesen verrichtete, macht es den Anschein, dass es in unserer Zeit auch immer mehr als geeigneter Partner für die Freizeitbeschäftigung geschätzt wird. Hoffen wir, dass es auch dort die Anerkennung findet, die es zweifelsohne mehr als verdient.
   
  Ethologie des Maultiere
   
  Das Maultier gehört seinen Eltern entsprechend, dem Pferd und dem Esel, zur zoologischen Familie der Equiden. In ihm finden wir Verhaltensweisen von beiden Tierarten wieder. Als Pflanzenfresser und Lauftier sind sie sich ähnlich. Sie sind in der freien Wildbahn immer Beutetiere, d.h., sie werden von Raubtieren gefressen. Sie haben aber unterschiedliche Lebensräume. Das Pferd ist ein Bewohner weiter, flacher Ebenen mit freier Sicht und ohne Hindernisse. Der Esel aber bewohnt felsige und gebirgige Regionen. Daraus ergeben sich verschiedene Verhaltensformen. Das Pferd entzieht sich einer Gefahr immer durch Flucht; es findet Schutz in der Herde (Flucht- und
  Herdentrieb). Der Esel braucht im steinigen und gebirgigen Lebensraum eine andere Strategie zum Überleben.
Am Berg empfiehlt es sich nicht immer zu fliehen (Absturzgefahr, schlechte steile Pfade). Er muss und kann unterscheiden, ob davonlaufen, stehenbleiben oder attackieren die bessere Überlebenschance bietet. Diese Auswahlmöglichkeit verlangt vernetztes Denken. Das kann jeder Maultierbesitzer bestätigen. Es kann also geschehen, dass ein Esel oder ein Maultier wegen einer Gefahr stehenbleibt und nicht wie ein Pferd davonläuft. Dieses Verhalten wird ihm oft als Sturheit angelastet. Auch seine Bereitschaft, sich blitzschnell und gezielt gegen ungerechte Behandlung zu verteidigen, darf nicht als Bosheit ausgelegt werden.
Im Gegensatz zum Pferd lebt der Esel nicht in Herden mit Hengst und Leitstute, sondern er bildet nur lose Familiengruppen mit Mutter und Jungtieren. Die Hengste leben separat. Daraus erklärt sich vielleicht die grössere Anhänglichkeit von Maultierstuten.
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© 2008, Das Maultierforum, Maienfeld